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Logo 125 Jahre mit Sprechblase

Misstrauen in Vertrauen
UMGEWANDELT

Keiner hat sich je dauerhafter für den Beamten-Wohnungs-Verein eingesetzt als Peter Köhler. 36 Jahre lang gehörte er dem Aufsichtsrat an, davon 17 Jahre als Vorsitzender. Mit dem BWV verbunden ist er seit Kindertagen. Im Interview schaut er auf die Zeit zurück und gibt Einblick in sein Leben.

Herr Köhler, wann war Ihre erste Berührung mit dem BWV?

Der BWV war immer wieder Gesprächsstoff bei uns zu Hause. Denn mein Vater war Arzt und meine Mutter seine Sprechstundenhilfe und seit den 50er und 60er Jahren hatte mein Vater Patienten, die beim BWV wohnten. Er hatte zum Beispiel die Vorvorvorgängerin von Frau Glout (kaufmännische Kundenbetreuerin beim BWV) behandelt und auch ein Vorstandsmitglied. Es war bekannt, dass die Leute sehr zufrieden und beim BWV gut untergekommen waren. Aber es klappte manchmal nicht so mit den Reparaturen, wenn die Heizung ausfiel, und die Häuser hatten damals einen schrecklichen Anstrich.

Aber erst 1973 bezogen Sie Ihre erste BWV-Wohnung?

Ja. Als mein Vater 1946 aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft in der Nähe von Heidelberg zurückkehrte, sind wir zu meiner Großmutter in die Günthersburgallee 11 gezogen. Dort hat er seine Arztpraxis eröffnet. 1948 zogen wir in den Musikantenweg, 1967 in die Maximilianstraße und 1973 – nachdem ich mein dreijähriges Referendariat beendet und damit das Zweite Staatsexamen in Jura abgeschlossen hatte – in die BWV-Wohnung in der Waitzstraße 10. Nachdem mein Vater verstorben und meine Mutter aufs Land gezogen war, wurde ich Mitglied beim BWV und übernahm mit meiner Frau diese Wohnung. 1983 bekamen wir und unsere beiden Kinder die Wohnung in der Waitzstraße 12 zugeteilt.

Sie sind also mit dem Nordend und Ostend eng verbunden.

Ich bin in die Arnsburg-Schule gegangen, die jetzt Dahlmannschule heißt, und habe danach Abitur am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium gemacht inklusive Großem Latinum und Großem Graecum, wonach mich später keiner mehr gefragt hat. Mein Lieblingsfach war allerdings Deutsch. Ich war lediglich ein durchschnittlicher Schüler.

Wieso haben Sie sich für Jura entschieden?

In meiner Familie gab es einen Onkel, der war Rechtsanwalt und Notar. Ein Großvater war in Nordhessen Gerichtsschreiber am Amtsgericht – ich muss wohl etwas abbekommen haben. Das Juristische liegt mir. In eher kurzen zehn Semestern habe ich Jura studiert. Ich hatte mich beeilt und nicht an jeder Uni-Fete teilgenommen. Schon während der Studienzeit habe ich in Anwaltskanzleien gearbeitet. Erst als Bürobote und später als stellvertretender Rechtsanwalt. In einer renommierten Anwaltskanzlei hatte ich zum Beispiel Entschädigungssachen für jüdische Mitbürger bearbeitet, denen ihr Vermögen abgenommen worden war und die durch Kriegsereignisse zu Schaden gekommen waren.

1973 ist ein bedeutendes Jahr für Sie: Sie starteten als Staatsanwalt und heirateten Ihre Frau.

Ja, ich war 29 Jahre alt und habe in Frankfurt als Staatsanwalt angefangen. Anlässlich des Vorstellungsgesprächs 1973 ging ich zu meinem letzten Friseurbesuch in meinem Leben. Seitdem schneidet meine Frau mir die Haare. Die kann das und ist übrigens auch BWV-Genossin. Wir hatten uns am 3. Juni 1970 in der Nähe des Höchster Bahnhofs kennengelernt. Da war schon etwas Besonderes zwischen uns, wir feiern diesen Tag jedes Jahr. Wir sind oft ins Kino gegangen, ich war ein ganz begeisterter Kinogänger und mochte das Zeil-Kino, das Esplanade und Europa und die Lichtburg, die es heute nicht mehr gibt.

Sie sind in Frankfurt bekannt, so schrieb die Bild-Zeitung 2009: „Frankfurts Oberstaatsanwalt Köhler! Letzter Coup vor dem Ruhestand. Kinder-Pornoring ausgehoben“

Neben der Organisierten Kriminalität (zum Beispiel der Sechsfach-Mord im Kettenhofweg 1994) war die Kinderpornografie seit 1976 mein zweiter Schwerpunkt. Ich war damals der Erste in der gesamten Bundesrepublik, der sich um Kinderpornografie gekümmert hat. Mein drittes Standbein war meine Zuständigkeit als Fußball-Staatsanwalt von 1986 bis 2009. Vor, während und nach den Spielen habe ich Straftaten verfolgt, da ging es um Widerstand, Landfriedensbruch, Beleidigungen und ähnliche Straftaten.

Ist Ihnen da auf dem Fußballplatz mal etwas passiert?

Ich stand immer hinter einem Tor mit Blick auf die Fan-Szene. Und da wurde ich einmal von einem Schnapsfläschchen getroffen. Aber das hat mir nichts ausgemacht. Eigentlich wollten die Fans den gegnerischen Torhüter treffen; es war aber ganz gut, dass ich es abbekam und nicht er. Das hätte sonst Ärger gegeben.

Als Sie 1986 in den Aufsichtsrat gewählt wurden, sah es beim BWV nicht so gut aus wie heute.

Ja, es war wirtschaftlich und atmosphärisch schlimm, als ich 1986 hier anfing, auch noch 1987 und 1988. Es hatte rumort, im Verein herrschte Misstrauen, es war also eine schreckliche Zeit. Der BWV stand auf der Kippe. Ein lang amtierender Vorsitzender des Aufsichtsrats schied aus, danach endete auch die Bestellung der beiden Vorstände. Später entschieden die BWV-Mitglieder in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, dass diese beiden Vorstände wegen mangelhafter Überwachung einer Baumaßnahme – es ging um Sanierungsarbeiten in einer Bockenheimer Liegenschaft, bei denen dem BWV ein immenser Schaden entstanden war – zu verklagen seien

Wie hat man das Ruder herumgerissen?

Der damalige BWV-Aufsichtsratsvorsitzende Herbert Graul hatte erfahren, dass ein sehr fähiges ehemaliges Vorstandsmitglied der Nassauischen Heimstätte freigeworden war, und bat mich, diesen Herrn Bertram Elsner für unseren Vorstand zu gewinnen: Elsner war wie ich Volljurist und ich konnte ihn aus dessen Urlaub in Südtirol heraus telefonisch überzeugen, für unseren BWV hauptamtliches Vorstandsmitglied zu werden. Und dann ging es aufwärts. Elsner als überzeugter Sozialdemokrat hat uns 1989 noch mal beigebracht, was Genossenschaft heißt: miteinander, füreinander. Und das hat richtig Schwung gebracht. Er hat erst einmal die Mieten erhöht, was nicht jedem gepasst hat, aber notwendig war. Damals wurden wir wirtschaftlich solider und sind es bis heute.

Wie haben Sie die Geschicke des Beamten-Wohnungs-Vereins verändert?

Aufgrund der Erfahrungen mit Misswirtschaft habe ich daran mitgewirkt, die Institution Aufsichtsrat zu erweitern. Wir sahen uns nicht mehr nur als notwendiges Kontrollorgan, sondern vermehrt als unterstützender Begleiter des Vorstands. Laut Genossenschaftsgesetz ist ein Aufsichtsrat für die Überwachung des Vorstandes zuständig, unsere Satzung nennt jedoch das Fördern an erster Stelle, dann das Überwachen. Seit der Vorstands-„Ära“ Neckel/Henties (2007 bis heute) wird der Aufsichtsrat über alle wesentlichen Geschäftsvorgänge früh- und rechtzeitig in Kenntnis gesetzt. Dem Vorstand ist dies eine Selbstverständlichkeit geworden – es ist eine Vertrauensverpflichtung, die unserer Satzung geschuldet ist. Außerdem habe ich mit meinen Aufsichtsratskollegen im Jahr 2008 eine Altersgrenze von 75 Jahren in unserer Satzung eingeführt. Ich hatte mich damals sozusagen selbst begrenzt.

Was hätten Sie gerne anders gemacht in den vergangenen knapp 80 Jahren?

Ich denke, ich habe in meinem Leben viel richtig gemacht, auch für den BWV. Obwohl – den Prozess gegen den damals sehr umstrittenen Vorstand hätte man nicht führen dürfen. Wir haben ihn verloren, wir konnten das Geld nicht zurückholen. Im Nachhinein betrachtet waren die Chancen doch relativ gering, was wir damals aber nicht erkannt hatten.

Sie sind vor zwei Jahren aus dem BWV-Aufsichtsrat ausgeschieden. Wie fühlt es sich so an als normales Mitglied?

Ich werde von den Nachbarn noch immer als Funktionsträger des BWV angesprochen – ich muss darüber schmunzeln. Die Anfragen vermittle ich dann an Frau Glout weiter. Mir ist ein gutes Verhältnis zu meinem Umfeld wichtig. Es gibt Mitmenschen mit Herzensbildung, da bleibt für mich eine Verbindung positiv, Ruhestand hin oder her.