Der BWV wird in diesem Jahr 125 Jahre alt. Seit 10 Jahren sind Sie Mitglied des Aufsichtsrats, seit fast 2 Jahren der AR-Vorsitzende. Alles ehrenamtlich. Welches Bild haben Sie vom BWV?
Hier treffen die menschlichen Werte einer Traditionsgenossenschaft auf die Dynamik und Modernität urbanen Lebens und Arbeitens. Unsere elf Frankfurter Gründungsgenossen haben 1899 ihr Leben selbst in die Hand genommen und haben ein erstes gemeinschaftliches Haus gebaut. Gemeinsam konnten sie mehr bewegen als der Einzelne für sich alleine. Das funktionierte nur mit guter Absprache und Wertschätzung füreinander. Diese Werte haben wir uns bis heute erhalten – und das ist für eine Organisation im renditeorientierten 21. Jahrhundert bemerkenswert.
Welches sind die Herausforderungen damals und heute?
Industrialisierung und Urbanisierung sind zwei große Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, an dessen Ende sich die Gründer des BWV entschlossen, selbst für eigenen bezahlbaren Wohnraum zu sorgen. Heute leben wir privilegiert in einer Wohlstandsgesellschaft des Globalen Nordens – und wieder ist bezahlbarer Wohnraum für viele Menschen ein knappes, fernes Gut. Energiewende, digitale Transformation, künstliche Intelligenz und der menschengemachte Klimawandel sind die Themen unserer heutigen Zeit. Hier ist viel Umbruch vonnöten. Vielleicht braucht es gesamtgesellschaftlich so etwas wie eine neue Gründerzeit. Für uns als BWV mit rund 1.500 Wohnungen in Frankfurt ist es im Interesse einer zukunftsfähigen Entwicklung der Genossenschaft wichtig, aus stabilen Verhältnissen heraus einen kontinuierlichen Wandel gestalten zu können.
Wie und warum sind Sie zum BWV gekommen?
Es hat mich interessiert und fasziniert. Ich wurde von Herrn Neckel, den ich über meine frühere selbstständige Tätigkeit als Architekt kannte, kontaktiert, als 2014 ein Mitglied des Aufsichtsrats ausschied. Das genossenschaftliche Wohnen ist für mich das Modell schlechthin. Die derzeitige Entwicklung von Miet- und Bodenpreisen hat sich vom Grundbedürfnis Wohnen weitgehend entkoppelt. Es ist reines Renditestreben, wenn Wohngebäude zu Anlageobjekten, zur Ware werden. Große Investoren kaufen riesige Wohnungskontingente auf, ziehen die Miete raus, aber investieren nicht genug. Wenn die Immobilie abgewirtschaftet ist, wird weiterverkauft. Und das ist eben bei Genossenschaften gar nicht möglich. Hier sind die Genossinnen und Genossen die „Anleger“. Was ich sehr befürworte: Beim BWV gibt es keine Gewinnausschüttung, also keine Rendite, die aus der Genossenschaft herausgezogen wird. Alle Einnahmen fließen in die BWV-Wohnungen zurück, niemand kann sich über Dividende bereichern. Deswegen finde ich, dass das ein solides Zukunftsmodell ist.
Dass der BWV wirtschaftlich gut dasteht, ist bekannt. Wie schafft er das in einer Zeit von Energiekrise, Klimakrise und Ukraine-Krieg?
Es ist ein Mix aus wirtschaftlicher Risikoabwägung, fachlicher Kompetenz und der guten Zusammenarbeit von Vorstand und Aufsichtsrat. Schon als ich vor zehn Jahren dazukam, fiel mir die umsichtige Vorgehensweise des Vorstands auf: Wie man moderat und zu vertretbaren Kosten sehr gute Verbesserungen erzielt und den Gebäudebestand erhält und mit Bedacht erweitert. Ich kann das aus meiner eigenen Tätigkeit als Architekt und als Baudezernent der TU Darmstadt gut beurteilen. Seit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine haben nahezu alle großen Investoren ihre Neubauprojekte eingestellt. Zurzeit wird nichts mehr gebaut, weil es nicht mehr zu vertretbaren Preisen vermietbar ist. Auch wir haben entschieden, mit Neubau oder Aufstockung zu warten, bis sich die Rahmenbedingungen wieder geändert haben. An den sehr günstigen Mieten beim BWV soll sich prinzipiell nichts ändern. Angemessene Mietensteigerungen sind dennoch erforderlich, um den BWV wirtschaftlich so stabil und handlungsfähig zu halten, wie es ihn heute auszeichnet.
Was sehen Sie als wichtiges gesellschaftliches Thema?
Gemeinschaftlich denken und leben. „Vom Ich zum Wir“ ist für mich ganz wichtig, weil hier mehr volkswirtschaftlicher Nutzen entsteht als durch die starke Individualisierung, wie sie heute in unseren westlichen Gesellschaften gelebt wird. Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen, in der jeder jedem hilft und alle mit anpacken mussten. Als Genossenschafts-Fan finde ich, dass soziale und nachhaltige Aspekte im genossenschaftlichen Wohnen am besten repräsentiert werden.
Wo sehen Sie den BWV in der Zukunft?
Der BWV ist sehr gut geführt. Es gibt keine Machtspielchen oder Ego-Trips. Er wird für seine Mitglieder weiterhin für sicheres Wohnen mit lebenslangem Wohnrecht sorgen. Das Fundament und die genossenschaftliche Struktur sind solide. Und so wie ganz Deutschland wird auch der BWV diverser werden, da bin ich mir ganz sicher.